Interview mit Sportwissenschaftler Martin Weddemann

Das Deutsche Sportabzeichen als Gewinn für die Aktiven – auch in Corona-Zeiten.

Sportwissenschaftler Martin Weddemann im Interview.
Sportwissenschaftler Martin Weddemann im Interview.

Martin Weddemann (35) arbeitet seit 2010 im Spitzensport. Er hat Sportwissenschaften und Medienkommunikation studiert. Seine große Leidenschaft ist die Talententwicklung im Fußball – auf sportlicher und persönlicher Ebene. Schon seit Jahren interessiert sich der Unternehmer Weddemann für die soziologischen und psycho-sozialen Aspekte des Sports, die Grundvoraussetzungen für Höchstleistung und maximale Potentialentfaltung – vor allem auf professioneller Ebene, aber auch in der Breite. Im Interview liefert er spannende Ansichten zum Sportabzeichen.

Herr Weddemann, ob als Sportwissenschaftler, Talententwickler oder Berater – Sie nehmen im Umgang mit Sportlern die individuelle Perspektive der Sportlerinnen und Sportler ein, achten aber auch auf das jeweilige Gruppenverhalten und die Prozesse innerhalb einer Sportgemeinschaft. Das Deutsche Sportabzeichen fördert sowohl den individuellen Ehrgeiz als auch das Gemeinschaftsgefühl. Erkennen Sie Parallelen zum Profisport, beispielsweise zum Fußball?  

Es gibt zumindest gewisse Parallelen zur Rolle des Individuums im Kontext einer Mannschaft. Das richtige Zusammengehörigkeitsgefühl kann selbst mit Blick auf die individuelle Leistung einen ‚Flow’ kreieren, bei dem es um die pure Liebe zum Sport, um den Spaß geht, gemeinsam etwas zu erreichen und es zu genießen. Meistens ist der Erfolg dann die logische Konsequenz. Jeder ist im Hier und Jetzt und genießt den Moment und die Freude an der reinen sportlichen Betätigung. Wenn die Teilnehmer am Sportabzeichen diesen Zustand erreichen können, haben sie ganz viel für ihr Leben gewonnen, viel mehr als das bloße Abzeichen. Dann hat der Sport seinen wahren Zweck erfüllt – innere Zufriedenheit, Glück und Gemeinschaftsgefühl. Dies kann Halt, Selbstsicherheit, Selbstvertrauen und Mut für alle weiteren Lebensaufgaben und Bereiche geben.  

Was wiegt aus Ihrer Sicht mehr? Der eigene Antrieb oder das Wir-Gefühl? Beim Sportabzeichen ist ja bei allem Miteinander doch jeder für seine eigene Leistung verantwortlich, das bringen die Disziplinen letztlich mit sich  …

Ich glaube dennoch, dass mentale Prozesse zur Erlangung individueller Leistungsfähigkeit im Breitensport durchaus ähnlich funktionieren wie im Profi-Fußball, um bei diesem Beispiel zu bleiben. Das wichtigste ist im Hier und Jetzt präsent zu sein und den Moment der sportlichen Aktivität und des Wettkampfes zu genießen. Dann haben alle gewonnen: jeder einzelne Teilnehmer, der DOSB und im besten Fall auch einige Sportvereine, die motivierte ehrenamtliche Mitglieder zurück bekommen, die dieses neu gewonnene Wir-Gefühl und ihre Motivation für den Sport ihren Trainingsgruppen weitergeben möchten. Zudem wird jeder Teilnehmer diese Motivation und seine neu gewonnene positive Energie in andere Lebensbereiche mitnehmen und übertragen und im besten Fall seine Mitmenschen inspirieren.

In der Corona-Krise wurde unser Leben wie wir es kannten quasi von jetzt auf gleich angehalten – auch die Sportwelt stand still. Wie hilfreich kann es da sein, ein sportliches Ziel zu haben – und mag es auch weiter entfernt liegen als ursprünglich mal avisiert? 

Ziele sind immer wichtig, egal in welcher Zeit. Ohne konkrete Ziele hat man selten eine Perspektive und hat Schwierigkeiten die nötige Motivation bzw. Volition aufzubringen in Sport, Beruf und Leben maximal erfolgreich zu sein. Der individuelle Erfolg und das Erreichen von gesteckten Zielen bestimmen sicherlich auch den Grad der Selbstzufriedenheit. Nur mit Zielen kann man sein Leben pro-aktiv selbst bestimmen und gestalten. Ich denke, dass in diesen Krisen-Zeiten der Terminus Volition der Begriff ist, der die Zielsetzung mit dem Erreichen von mehreren Etappenzielen bestmöglich beschreibt: denn Volition bedeutet die bewusste, willentliche Umsetzung von Zielen und Motiven in Resultate und Ergebnisse durch zielgerichtete Steuerung von Gedanken, Emotionen, Motiven und Handlungen.

Hilft dieser Prozess der Selbststeuerung auch bei der Überwindung von inneren und äußeren Widerständen wie zum Beispiel Unlustgefühlen oder Ablenkungen oder in diesem Fall durch Einschränkungen im Rahmen der Corona-Krise?

Die Einschränkungen in Zeiten der Corona-Krise kamen abrupt und griffen bzw. greifen  mitunter massiv in die persönliche Freiheit jedes Einzelnen ein, da ist es umso wichtiger, ein Ziel für die Zeit nach der Krise zu haben, auf das man während der Krise hinarbeiten kann. Hier ist es auch wichtig, seine Ziele wie das Sportabzeichen in viele kleine Etappenziele zu unterteilen. So kann man es Schritt für Schritt im Rahmen der Gegebenheiten erreichen. Dies gibt Sicherheit, Halt und Orientierung – was wiederum dabei hilft, die Einschränkungen während der Krise erträglicher zu machen und mehr persönliche Freiheit zu empfinden.

Sport als seelischer Ausgleich und Balsam?

Genau. Das menschliche Gehirn ist durch Bewegung entstanden und ist in erster Linie für Bewegung gemacht. Bewegung und körperliche Ertüchtigung bauen Stress ab, helfen, den Kopf frei zu bekommen und haben nachgewiesenermaßen positive Effekte auf die Psyche, die mentale und körperliche Gesundheit. Da der Mensch ein soziales Wesen ist, ist Sport in der Gruppe natürlich die beste Maßnahme dafür. In Krisen mit Einschränkung der persönlichen und allgemeinen Freiheit kann die reine Bewegung an sich – übrigens natürlich auch alleine –  daher sehr positive Effekte auf die individuelle körperliche und vor allem auf die mentale Gesundheit haben, da die Menschen in der aktuellen Zeit vielen Unsicherheiten, Sorgen und Ängsten ausgesetzt sind. Bewegung und Meditation, um die Gedanken zu ordnen und den Kopf freizubekommen, sind sicherlich essentielle Präventivmaßnahmen, um depressiven Verstimmungen oder noch Schlimmerem vorzubeugen.

Wenn dann nach den Lockerungen auch die Perspektive auf das Sportabzeichen wieder näher rückt – taugt das als eine Art zusätzlicher Motivationsschub? Also: Wenn das Ziel wieder greifbarer wird, setzt das zusätzliche Kräfte frei?

Aus meiner Sicht auf jeden Fall. An dieser Stelle möchte ich dazu noch Folgendes anmerken: Ich denke, dass diese Krise mit all seinen schlimmen Kollateralschäden und Folgen für jeden Einzelnen und unsere Gesellschaft zumindest eines bewirken kann: Der Mensch wird im Idealfall wieder dankbarer sein für die Möglichkeiten, die ihm unser tolles Land bietet. Er wird bestenfalls weniger egoistisch handeln und wird die vermeintlich kleinen Dinge im Leben wieder viel mehr zu schätzen wissen – u.a. eben auch den Sportverein mit seinem vielseitigen Sportangebot, das Miteinander beim und nach dem gemeinsamen Sport. Und wenn es soweit ist auch wieder die vielen Sportveranstaltungen und Sportligen mit ihren tollen und begeisternden Wettbewerben, die uns motivieren und inspirieren, auch unsere körperlichen Grenzen auszutesten oder uns idealerweise zu einem gesünderen Lebensstil animieren. Daher denke ich auch, dass das Ziel, das Sportabzeichen zu absolvieren und das dafür erforderliche Training bei vielen Menschen positive Energie und einen Motivationsschub für einen Neuanfang nach der Krise freisetzen wird. In vielen Bereichen ihres Lebens.

Ist der soziale Faktor des Sportabzeichens, der Solidaritätsgedanke im Rahmen des Gruppenerlebnisses, also der entscheidende Zugewinn neben dem nahe liegenden Effekt, dass Sport gesund ist und gesund hält?

Absolut. Der Mensch als soziales Wesen kann eine Menge positiver Energie aus einem solchen Gruppenerlebnis ziehen und seinen Freunden, Arbeitskollegen und Vereinskameraden vom positiven Gefühl und den Erlebnissen während der Absolvierung des Sportabzeichens erzählen. Man lässt sich inspirieren und inspiriert idealerweise weitere Menschen. Die verbindende und integrierende Kraft des Sports kann vielen Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, mit den unterschiedlichsten Wurzeln, insbesondere in Zeiten der Krise Stabilität geben und Orientierung geben. Sport verbindet Menschen, Sport schafft Erlebnisse und Freundschaften, Sport ist ein ganz wichtiger kultureller Bestandteil unserer modernen Gesellschaft, denn Sport schafft Nähe, baut Vorurteile und Ängste ab. Daher ist das Deutsche Sportabzeichen ein riesiger Zugewinn für jeden einzelnen Absolventen.


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